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E-Commerce ist auch nicht die Patentlösung für alle!

Neulich konnte ich am E-Commerce Espresso teilnehmen, der gemeinsam von Nosto (Spezialist für Personalisierung), Prestashop (E-Commerce Plattform), Actindo (Cloud ERP Provider) und Heidelpay (Payment Service Provider) veranstaltet wurde. Es war ein schönes Event in einer sehr eleganten Location mit vielen guten Inhalten und Diskussionen. Deshalb zu aller erst: Danke, dass ich dabei sein durfte! Wir hatten dort eine angeregte Diskussion über die Frage, ob E-Commerce eine potenzielle Alternative für stationäre Händler sein könnte.

Gibt es die einfache Lösung?

Wir alle wissen, dass sich die Konkurrenzsituation im Einzelhandel seit ein paar Jahren extrem verschärft hat und es viele kleine und mittlere Händler gibt, die es wohl in Zukunft nicht schaffen werden. Die Alternative scheint ganz einfach zu sein: Starte deinen eigenen Webshop und verkaufe online! Im Ernst?!?

Rechnen wir es einfach einmal durch. Es gibt allein in Deutschland 77 Städte mit 100.000 Einwohnern oder mehr. Angenommen es gibt durchschnittlich 50 stationäre Geschäfte in jeder dieser Städte (was ziemlich knapp kalkuliert sein sollte). Wenn jetzt alle anfangen, Ihre Geschäfte auch online abzuwickeln, dann wären das ungefähr 4000 neue Online Shops. Wie viele davon wären aber tatsächlich in der Lage auch Geld zu verdienen? Ich glaube, dass es höchstens eine Handvoll schaffen könnte. Denn sie würden dann nicht mehr nur die Konkurrenz in der Region haben, sondern müssten sich auch gegen Global Player wie Amazon, eBay etc. behaupten.

Das Märchen vom E-Commerce

Prestashop ist ein Open Source System, das seinen Kunden ermöglicht, ihr Onlinegeschäft ohne anfängliche Investitionen auf Seiten der Technik  zu starten. Händler können Prestashop in einer low-end Hosting-Umgebung zusammen mit verschiedenen Templates und Extensions aus dem Prestashop Marketplace installieren und einfach loslegen.

Aber die Geschichte vom einfachen und schnellen Start in den Onlinehandel bleibt lediglich ein Märchen. Die Realität wird diese Händler bald einholen! Denn die Herausforderungen, die es zu meistern gilt, werden täglich mehr. Ein paar offensichtliche aber fundamentale Fragestellungen:

  • Vielleicht bin ich als Händler in meiner Stadt schon seit einigen Jahrzehnten fest etabliert. Online bin ich dagegen ein Niemand. Wie kann ich also qualifizierten Traffic für meine Seite generieren?
  • Als langjähriger Inhaber eines stationären Geschäfts bin ich ein vertrauensvoller Händler. Als Neuling im E-Commerce habe ich erst einmal gar keine Vertrauensbasis. Wie können Besucher demnach versichert sein, dass ich das richtige Produkt für sie habe und ich es auch tatsächlich pünktlich liefern kann? Warum sollte irgendjemand einen Artikel in meinem Shop bestellen, wenn er stattdessen bei bereits fest etablierten Plattformen kaufen kann?
  • Die Anzahl der verschiedensten Technologien, die im modernen E-Commerce eingesetzt werden, ist erdrückend. Ich muss mich um Responsive Design, interne Produktsuche, Recommendation Engines, Payment Providers, Logistikpartner, Analyse Systeme, Business Intelligence sowie die Integration von ERP, CRM oder PIM Systemen etc. kümmern. Ich brauche vielleicht nicht alle zu Beginn, aber ich muss mich mit ihnen auseinandersetzen und wissen, wie ich sie effektiv priorisieren kann.
  • Wie viel Arbeitsaufwand das Betreiben eines Online Shops bedeutet, wird leider viel zu oft extrem unterschätzt. Wer kümmert sich um die Erstellung von einzigartigem Content und Produktinformationen? Möglicherweise in mehreren Sprachen? Wer ist verantwortlich für die Verarbeitung der Bestellungen, das Verpacken der Artikel und das versenden der Pakete? Kann meine Buchhaltung mit Online-Bezahlungen und internationalen Transaktionen umgehen?

Mein Fazit

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte hier niemanden davon abhalten, in den E-Commerce oder Omnichannel einzusteigen (immerhin verdiene ich meine Brötchen damit). Gerade Ladenbesitzer sollten nicht einfach auf ihren Untergang warten. In der heutigen Zeit ist es allerdings keine echte Option, die Onlinemärkte ohne eine klare Vision, ohne weitsichtige Strategie und ohne realistische Erwartung für die Investitionen für Technologie, Werbung und das Betreiben eines Online Shops zu betreten!

Lokale Händler haben sicherlich die Möglichkeit, sich auch in Zukunft ihren Anteil am Markt zu sichern. Aber dazu braucht es vor allem durchdachte Strategien und Lösungen. Sie sollten nicht das Spiel mit den großen Jungs spielen, das sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gewinnen können. Stattdessen sollten sie sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren und den Fokus auf ihre Kunden legen. Das Märchen vom einfachen Einstieg in den E-Commerce als Patentlösung ist dagegen gefährlich und kann mehr Schaden anrichten als helfen.

(Bildquelle: vvoe/Shutterstock)

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