Gender-Commerce-Expertin Astrid Wunsch beim 20. E-Commerce Forum

von | Apr 29, 2015 | E-Commerce Forum Karlsruhe | 0 Kommentare

In Hinblick auf das 20. E-Commerce Forum am 07. Mai 2015, möchten wir heute unsere Gastreferentin Astrid Wunsch vorstellen. Sie ist Head of Human Experience Design bei Triplesense Reply in Frankfurt.

Flagbit: Guten Tag Frau Wunsch 🙂 Stellen Sie sich bitte kurz vor: Wie sind Sie in die digitale Branche gekommen?

Astrid Wunsch: Nachdem ich in den 1990ern ĂŒber 4 Jahre in der klassischen Werbung gearbeitet hatte, wurde mir bewusst, dass Werbung immer eine sehr einseitige Kommunikation sein wĂŒrde. Mir hat zu dem Zeitpunkt bereits die direkte Auseinandersetzung mit der Zielgruppe gefehlt. Deshalb bin ich im Jahr 2000 nach London gezogen und habe dort meine neue Heimat in den digitalen Medien gefunden – erst bei Syzygy, dann mit einer eigenen Agentur. Im Digitalbereich waren Interaktion und „gegenseitiges Kennenlernen“ endlich möglich. Durch die Daten, die man im Netz erheben kann, ist es machbar, sich ein ziemlich gutes Bild ĂŒber die BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche der Besucher von Webseiten zu machen und darauf konkret einzugehen.

Flagbit: Wann hatten Sie die ersten BerĂŒhrungspunkte mit dem Thema „Gender Commerce“. Welche GrĂŒnde gibt es, dass Sie sich unter anderem auf dieses Thema spezialisiert haben?

Astrid Wunsch: Vor knapp drei Jahren habe ich mit meiner Kollegin Silke Berz, Creative Director UX bei Triplesense Reply, am Relaunch der Vorwerk-Webseite gearbeitet. Nach intensiver Analyse der damaligen Webseite ist uns aufgefallen, dass die StaubsaugergerĂ€te auf der Webseite in ihrer Art der Vermarktung, Bild- und Informationsaufbereitung hauptsĂ€chlich an MĂ€nner gerichtet war, obwohl die Kunden von Vorwerk zu ĂŒber 75% Frauen sind. Auf dem Portal ging es hauptsĂ€chlich um Nenndrehzahlen, Watt und andere kryptische technische Daten. So wurde gar nicht klar, was der Unterschied und der Vorteil der vielen Vorwerk-Staubsauger ist – das, was uns brennend interessiert hĂ€tte. Daraufhin haben wir recherchiert und angefangen, uns mit Gender Marketing zu beschĂ€ftigen. Aus diesen Erfahrungen haben wir Erkenntnisse fĂŒr Webseiten und E-Shops abgeleitet, die es bis dato noch nicht gab.

Flagbit: Was sind Ihrer Meinung nach, die wichtigsten Faktoren in Hinblick auf die geschlechtsspezifische Ansprache eines Onlineshops und welche gilt es zuerst zu beachten?

Astrid Wunsch: Der Kaufentscheidungsprozess von MĂ€nnern und Frauen unterscheidet sich maßgeblich und beeinflusst stark, wie E-Shops aufgebaut und gestaltet sein sollten. MĂ€nner kaufen bei Bedarf, wissen meist vorher schon sehr genau was sie wollen und suchen nach einer „guten“ Lösung. Deshalb sind „Suche“ und „Filterfunktionen“ fĂŒr MĂ€nner geeignete „Tools“, die sie dabei unterstĂŒtzen.

Bei Frauen lĂ€uft die Entscheidungsfindung vielschichtiger ab, da sie eine „perfekte Lösung“ suchen. Es kann vorkommen, dass sie im Laufe des Prozesses ihre Auswahlkriterien verĂ€ndern oder ergĂ€nzen. Sie gehen öfters vor und zurĂŒck und durchlaufen Phasen mehrmals. Sie suchen also nicht, sondern finden eher. Sie zu inspirieren und ihnen Ideen fĂŒr Produkte zu liefern, ist im E-Shop das Wichtigste. Das zieht sich dann durch die Bildgestaltung, den Stil der Texte und die Aufbereitung aller anderen Informationen.

Flagbit: Was werden in Zukunft die grĂ¶ĂŸten Herausforderungen fĂŒr Online-Shop-Betreiber sein im Bereich Gender Commerce?

Astrid Wunsch: Die grĂ¶ĂŸte Herausforderung wird sicherlich sein, in E-Shops die vom jetzigen „Standard“ abweichenden BedĂŒrfnisse von Frauen abzubilden. Die meisten Unternehmen haben ein ziemlich konkretes Bild davon im Kopf, wie ein Shop auszusehen hat, und lassen sich nur ungern auf Neues und auf Experimente ein. Es gehört Mut dazu, anders zu sein und andere Wege als der Rest zu gehen. FrĂŒhzeitige Tests wĂ€ren wichtig, um zu sehen, was die Frauen anspricht – und was nicht. Oft werden Shops einfach live gestellt, ohne dass man sie der Zielgruppe vorgefĂŒhrt oder ihre BedĂŒrfnisse in Erfahrung gebracht hat. Mehr Frauen in den Teams, in der Konzeption von Shops wĂŒrden sehr helfen. Da sieht es zurzeit schlecht aus: In der IT Branche arbeiten ĂŒber 86% MĂ€nner und nur 14% Frauen. Tendenz weiter fallend.

Außerdem denke ich, dass die Verbindung von Online- und Offline-Shops ein weiterer Meilenstein im Gender Commerce sein wird. Bestimmte QualitĂ€tsmerkmale, die fĂŒr Frauen wichtig sind, wie Textur, Geruch oder beispielsweise die Frage, ob ein KleidungsstĂŒck zum Rest der Garderobe passt, lassen sich am besten offline bzw. im Laden beantworten. Online und offline noch mehr miteinander zu verweben und zu einem ganzheitlichen Shopping-Erlebnis zu machen, ist essenziell – und zwar fĂŒr den Handel insgesamt.

Flagbit: Unternehmen im E-Commerce haben oftmals nicht nur ein Geschlecht, das sie ansprechen möchten. Wie kann man Ihrer Meinung nach eine perfekte Balance fĂŒr beide Zielgruppen erreichen?

Astrid Wunsch: Eine Balance lĂ€sst sich erreichen, indem man die Produktinformation gemischt aufbereitet, so dass sie fĂŒr MĂ€nner und Frauen gleich ansprechend werden. Das bedeutet weiterhin Statistiken, Daten, Fakten, Suche und Filter fĂŒr MĂ€nner anzubieten und mehr Stöber- und Inspirations-Elemente, Geschichten ums Produkt, Testimonials und Beratungsangebote fĂŒr Frauen. Die richtige Mischung aus allem ergibt eine stimulierende Inszenierung des Produkts, die Lust auf’s Kaufen macht.

Flagbit: Viele Shop-Betreiber, welche beide Geschlechter bedienen, halten vor allem die Ansprache von Frauen fĂŒr eher unwichtig. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Astrid Wunsch: Was soll ich dazu sagen? Mich wĂŒrden vor allem die BeweggrĂŒnde interessieren. Wenn Shop-Betreiber denken, dass Frauen eine unwichtige Zielgruppe sind, sollten sie sich damit beschĂ€ftigen, wer in den meisten Haushalten die Kaufentscheidung trifft: zu zwei Dritteln sind es Frauen*. Frauen verfĂŒgen mittlerweile ĂŒber ein nicht zu verachtendes eigenes Einkommen, das sie ohne Abstimmungen mit ihrem Partner großzĂŒgig einsetzen. Ich kann Shop-Betreiber, die auf diese Budgets verzichten können, nur beglĂŒckwĂŒnschen. 😉 Die Kaufrauschstudie von 2014 zeigt sehr deutlich, dass die Zielgruppe Frauen eine sehr solvente Zielgruppe fĂŒr fast jeden Bereich ist. Von Mode bis Auto.

Flagbit: Welche weiteren Entwicklungen von geschlechtsspezifischer Kundenansprache im Online Handel halten Sie fĂŒr wahrscheinlich?

Astrid Wunsch: Es gibt bereits erste Tendenzen, dass zumindest die ProduktprĂ€sentationen fantasievoller gestaltet werden. Es gibt nicht mehr nur freigestellte Produkte auf weißem Hintergrund, sondern es wird mehr mit katalogĂ€hnlichen arrangierten Stillleben, Film und Musik gearbeitet. Das sieht man momentan hauptsĂ€chlich in Shops, die eher Frauenprodukte verkaufen. WĂŒnschenswert wĂ€re es, wenn sich das zum neuen Standard entwickeln wĂŒrde.

Das Internet wir so langsam erwachsen, die technischen Probleme sind weitestgehend gelöst. Es geht in Zukunft nicht mehr so stark darum, was technisch eigentlich möglich ist, sondern vielmehr darum, was der Besucher der Webseite gerne sehen wĂŒrde. Das ist gerade fĂŒr uns bei Triplesense Reply ein wichtiges Thema: Wir nennen das „Humanizing Digital“ und wollen, dass Menschen mit digitaler Technik so natĂŒrlich umgehen wie mit ihrer Umwelt. Digitale Lösungen sollen so einfach sein wie Blumen gießen.

Flagbit: Vielen Dank fĂŒr das interessante Interview. Wir freuen uns auf das kommende Forum mit Ihnen 🙂

*The Nielsen Company – U.S. women control the purse strings

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Consent Management Platform von Real Cookie Banner